Angekommen!

Am 13.12.2015 kam Feras als Siebzehnjähriger gemeinsam mit einigen Verwandten aus Syrien in Hannover an. Die damals noch offene Flucht-Route von seiner Heimatstadt Daraa aus über die Türkei, die Ägäis nach Griechenland und den Balkan hatten sie bewältigen müssen.

Feras gleichaltriger Cousin, sein 15jähriger Bruder und er wurden zunächst gemeinsam in einer Jugendeinrichtung untergebracht, bevor die beiden Älteren dann eine Wohnung in Kolenfeld unter Betreuung des Jugendamtes beziehen durften. Feras jüngerer Bruder wurde bald an eine deutsche Familie in der Nähe vermittelt. So gelang nach einer langen Odyssee von acht Wochen endlich ein klarer Start für die drei halbwüchsigen Jungen.

Von Kolenfeld aus besuchte Feras nun die ev. IGS in Wunstorf und fand dort gute Unterstützung. Ziemlich schnell wollte er allerdings für einen Teil seines Lebensunterhalts selbst sorgen und begann im Wunstorfer „Haus am Bürgerpark“ in der Altenpflege zu arbeiten und sich anlernen zu lassen. So finanziert er noch immer durch seine Wochenendarbeit seine Wohnung ohne Hilfe des Jobzentrums.

Nach einem Jahr schloss er die IGS mit dem Realschulabschluss ab und wechselte auf die Fachoberschule für Gesundheit und Soziales in Neustadt. Bald stellte sich heraus, dass einige Fächer doch besonders anspruchsvoll waren, zumal ihm die deutsche Sprache ein gewaltiges Extra-Lernpensum abverlangte.

Im „Deutsch-syrischen Gesprächskreis“ in Wunstorf lernten wir uns kennen und ich bot Feras meine Hilfe als pensionierte Deutschlehrerin an.

Wir „quälten“ uns gemeinsam durch Brechts  „Galileo Galilei“ und Juli Zehs „Corpus delicti“, wobei deutlich wurde, dass das nach so kurzer Zeit in einem Land, dessen Sprache nicht leicht zu erlernen ist, einen Riesenanspruch darstellte und im Grunde nicht selbstständig zu leisten war. Feras entdeckte aber Zusammenhänge zwischen den Texten und seiner real durchlebten Situation.

Einem Fachabitur entsprechende Englischkenntnisse fehlten ihm ebenfalls aus seiner syrischen Schullaufbahn. Aber selbst nach nicht bestandenem Fachabitur überwand er bald seine Niedergeschlagenheit, sagte, es sei den Versuch wert gewesen und er habe ja immerhin viel gelernt!

Mit dem Realschulabschluss der IGS in der Tasche gelang Feras die Bewerbung an der „Medical School Dr. Rohrbach“ in Hannover. Sicher kam ihm seine Erfahrung im pflegerischen Bereich zugute.

Im August 2020 konnte er dort seine Ausbildung zum Physiotherapeuten beginnen!

Er ist nun begeistert von seinen neuen Klassenkameraden und lernt eifrig. Als Glücksfall erwies sich im Frühjahr 2020 auch der Einzug in seine eigene Wohnung in Hannover. Feras betreibt Sport, liebt den Georgengarten und das studentische Leben dort, baut seine Fitness in einem Studio aus und möchte demnächst noch regelmäßig schwimmen gehen.

Von Daraa erzählte er, dass seine Familie eine gute familiäre Nachbarschaft mit christlichen Familien pflegte und angetan war von der christlichen Kultur, die er dort kennengelernt hatte.

Mit seiner Familie kann Feras bisher nur Kontakt über sein Smartphone halten. Er erzählt viel von ihnen und es ist für uns interessant, etwas vom Leben seiner Familie zu erfahren.

Zwischen ihm und meiner Familie hat sich inzwischen eine herzliche Freundschaft entwickelt. Er ist geradezu liebevoll begeistert von meiner kleinen Enkeltochter, bringt selbst gekaufte Geschenke mit, feierte bereits Geburtstage und Weihnachten mit uns und schaut immer mal wieder bei uns in Wunstorf vorbei. Unvergesslich wird uns allen bleiben, wie wir am letzten Heiligen Abend alle zusammen deutsche Weihnachtslieder gesungen haben – und Feras sang kräftig mit!

Susanne Pettau, Wunstorf, 10. Oktober 2020.